Neuraltherapie nach Huneke

Geschichte der Neuraltherapie nach Huneke

Eingeweidenervenzellen mit Nervenfaserausläufern
Eingeweidenervenzellen (Ganglien­zellen im Ganglion cervicale superius) mit zahlreichen Nervenfaser­ausläufern. Mit dem stützenden Grundgewebe (Interstitium) gelangt das Eingeweide­nervensystem praktisch in alle mensch­lichen Organe, die Beeinflus­sung der Reaktionsweise des autonomen Systems ist wesenliche Grundlage der Wirkmechanismen der Neuraltherapie. Aus M. Clara: Das Nervensystem des Menschen. Leipzig 1942.

1925 entdeckte Ferdinand Huneke die therapeutischen Möglichkeiten des Einsatzes von Lokalanästhetika (Medikamente zur örtlichen Betäubung), indem er ein Medikament dieser Wirkstoffklasse zur Behandlung eines Migräne-Kopfschmerzes intravenös verabreichte, was zu vollständigen Ausheilung der Migräne führte. Zusammen mit seinem Bruder Walter entwickelte er daraufhin die Neuraltherapie zu einem bisher nicht bekannten Therapiekonzept.

1940 beobachtete und beschrieb Ferdinand Huneke das erste „Sekundenphänomen": durch Injektion mit diesem Lokalanästhetikum in den Bereich einer Knochenhaut­entzündung am Unterschenkel heilte er unmitttelbar („in der Sekunde“) eine bis dahin auch mit der Segment­therapie ergebnislos behandelte, hartnäckige und sehr schmerzhafte Schultererkrankung. Nervale Reizzustände (Störfelder) können Krankheiten und Beschwerden in ganz anderen Gebieten des Körpers auslösen und unterhalten. Mit der Neuraltherapie können solche Störfelder ausgeschaltet und damit therapie­resistente Krankheiten oft gebessert oder auch geheilt werden.

Grundlagen der Neuraltherapie nach Huneke

Die Neuraltherapie gehört zu den Regulationstherapien. Es werden gezielt die Autoregulationsmechanismen des Organismus angesprochen. Durch den therapeutischen Reiz (gezielter Nadelstich und Injektion eines Lokal­anästhetikums) kommt es zur Unterbrechung einer pathologischen Belastung, wobei der Wirkdauer der Behandlung den Zeitraum der eigentlichen örtlichen Betäubung weit überdauert (siehen unten).

Ein kleiner Heilungsreiz gibt somit Anstoß zur Neueinstellung eines regulativen Gleichgewichtes in einem funktionellen System; angeregt werden sollen die Selbstheilungskräfte.

Bei vorwiegend funktionellen Erkrankungen kann die Neuraltherapie alleine angewandt werden, bei fortgeschrittenen Krankheiten können sich Schulmedizin und Neuraltherapie oft in sinnvoller Weise ergänzen.

Die Neuraltherapie gliedert sich in lokale Therapie, Segmenttherapie und Störfeldtherapie.

Lokale Therapie (am Ort des Schmerzes: loco dolendi)

Bei dieser Behandlungsform wird direkt in die schmerzhaften Strukturen infiltriert: in die Haut, in Muskelverhärtungen (myofasziale Trigger-Punkte), an schmerzhafte Sehnenansätze, an die Knochenhaut, an Gelenkkapseln, in Gelenke, an periphere Nerven usw.

Segmenttherapie

Haut, Bewegungsapparat und das entsprechende innere Organ sind reflektorisch untereinander verschaltet. Schon Head und Mackenzie beobachteten, daß bei Erkrankungen innerer Organe in bestimmten Haut- und Unterhautregionen Veränderungen auftreten und folgerten daraus, daß eine nervale Wechselwirkung zwischen den inneren Organen und den dazu gehörenden Körperoberflächen bestehen muß. Dadurch ergeben sich im Umkehrschluß Möglichkeiten der therapeutischen Beeinflussung von inneren Organen und anderen tiefen Gewebsstrukturen durch z.B. Injektionen in die Haut. Hauptverantwortlich für das Zustandekommen dieser Reflexwege ist das Eingeweidenervensystem (vegetatives oder autonomes Nervensystem), insbes. mit seinem Sympathikus-Anteil.

Die Segmenttherapie wirkt regulierend auf innere Organe (Durchblutung, Regeneration, Krampflösung (Spasmolyse), Verbesserung der exokrinen und endokrinen Drüsenfunktion) und lindernd oder beseitigend auf Schmerzen und Verspannungen am Bewegungsapparat, ebenso werden Durchblutungsstörungen verbessert.

Bei der Segmenttherapie wird das Lokalanästhetikum in dem Körpersegment eingesetzt, das von der Erkrankung betroffen ist. Anwendungsbeispiele sind kleine Gaben in die Haut (sog. Quaddeln), Infiltration in schmerzhafte Muskelregionen (myofasziale Trigger-Punkte) oder an Gelenkkapseln, Nervenwurzeln, das periarterielle sympathisches Geflecht oder vegetative Ganglien (Ansammlungen von Eingeweidenervenzellen).

Störfeldtherapie

Zusammenwirken Eingeweide- und Hautinnervation
Beispiel des Zusammenwirkens von Eingeweide- und Hautinnervation: Schraffiert eingezeichnet sind Haut­areale mit Schmerz und Über­empfind­lichkeit, verursacht durch eine Erkrankung der Leber (Leber­ver­größerung durch Herzschwäche). Beachte die Region am Hinterhaupt: auch anatomisch weit entfernt liegende Bereiche können bei an ganz anderer Stelle bestehender Ursache (in diesem Fall die Leberstörung) Beschwerden bereiten. Aus H. Head: Die Sensibilitäts­störungen der Haut bei Visceral­erkrankungen. Berlin 1898.

An ein Störfeld muss gedacht werden, wenn die Therapie im Segment versagt. Beim Störfeld handelt es sich um einen chronischen Reizzustand an einer beliebigen Stelle des Körpers. Jede Art von abgelaufener oder chronischer Erkrankung kann (muss aber nicht!) zum Störfeld werden. Typische Störfelder sind die Mandeln, die Nasennebenhöhlen, der Zahn-Bereich, aber auch die männliche Vorsteherdrüse (Prostata) und die weibliche Beckenregion sowie jede Narbe.

Der Störungsreiz ist unterschwellig, so daß meistens keine direkten Symptome am Störfeld selbst resultieren. Die vom Störfeld ausgehenden pathologischen Impulse belasten aber das Grundsystem und reizen dauerhaft das vegetative Nervensystem. Der Körper kann diesen Stress lange abfedern. Kommt dann ein weiterer Schaden hinzu, können die körpereigenen Ausgleichsmechanismen versagen: das "Faß" läuft über, es entsteht eine Störfeld-Krankheit.

Auch im Störfeldgeschehen stellen das Eingeweidenervensystem (Sympathikus) und das alle Organzellen einfassende und ernährende Stützgewebe (Grundsystem nach Pischinger/Heine) die Grundlage für die therapeutisch-regulierende Beeinflussung der fehlfunktionierenden Anteile des Organismus dar.

Durch Ausschaltung eines Störfeldes mittels Lokalanästhetikum wird die schädigende Wirkung auf die Regulationsfähigkeit des Organismus unterbrochen, damit wird die Ausheilung der Erkrankung ermöglicht. Besonders eindrucksvoll ist dieser Effekt als sogenanntes „Sekundenphänomen“, in welchem die Heilung einer Fernstörung unmittelbar mit der Behandlung des Störfeldes erfolgt.

Für alle Therapieformen der Neuraltherapie gilt allgemein

Die Beschwerdelinderung soll für den Patienten deutlich bemerkbar sein und wesentlich länger als die unmittelbare betäubende Wirkung des gegebenen Lokalanästhesikums andauern; bei jeder weiteren Injektion soll sich das beschwerdefreie Intervall weiter verlängern. Hiermit wird deutlich, daß die Wirkung der Neuraltherapie ganz wesentlich über den kurzfristigen Betäubungseffekt des eingesetzten Lokalanästhetikums hinausgeht. Zudem ist die Neuraltherapie auch bei Erkrankungen wirksam, bei denen der Schmerz nicht wesentlich zum Beschwerdebild gehört

Dabei muss allerdings angemerkt werden: eine gestörte Regulation und Funktion können durch die Behandlung unter Umständen dauerhaft gebessert werden, eine gestörte Struktur jedoch nicht. Ein Beispiel hierfür: bei einer Leberzirrhose (narbiger Lebergewebsumbau) kann zwar die Funktion des verbleibenden Lebergewebes verbessert und bestenfalls weiterer narbiger Umbau verhindert werden, die bestehenden Narben können jedoch mittels Neuraltherapie nicht beseitigen werden.

Weiter muss beachtet werden, dass bei sehr langdauerndem Störfeldgeschehen die Erkrankung autonom werden kann, d.h. auch unabhängig vom Störfeld weiter aktiv bleiben kann.

Was Sie von Neuraltherapie erwarten können

Da es sich bei der Neuraltherapie um ein modernes Regulationsverfahren handelt mit Einfluß auf alle Regelkreise des Organismus (nervales, hormonales, muskuläres, zirkulatorisches und lymphatisches System) und ebenso Einfluß auf das Skelett sowie die Verdauungs-und Ausscheidungsorgane nimmt, sind die Einsatzmöglichkeiten breit gefächert. Auf neurologisch-psychiatrischem Gebiet können insbesondere eine Vielzahl von chronischen Schmerzbildern wirkungsvoll gemildert oder zum Verstummen gebracht werden. Beispielhaft seien einzelne Erkrankungen genannt:

Häufig gestellte Fragen und Antworten

Was ist Neuraltherapie?

Neuraltherapie ist die Behandlung von chronischen, aber auch akuten Erkrankungen mit einem speziellen Lokalanästhetikum , das die körpereigenen Heilungskräfte anregt. Dies geschieht sowohl durch Behandlung im Bereich der Beschwerden (Lokal- und Segmenttherapie), als auch durch Ausschaltung sog. Störfelder, die Fernwirklung haben (Störfeldtherapie).

Ist die Neuraltherapie gefährlich? Welche Nebenwirkungen treten auf?

Die Neuraltherapie ist ein Verfahren der Regulationsmedizin und hat daher bei Einsatz durch einen gut ausgebildeten Arzt kaum Nebenwirkungen. Einzig (ganz selten auftretende) Allergien auf Lokalanästhetika zwingen zum Abbruch der Behandlung. Einzelheiten zu dieser Frage werden im Aufklärungsgespräch anhand eines Informationsblattes besprochen.

Wie geht es nun weiter bei der nächsten Therapiesitzung? An welche Stellen spritzen Sie?

Das sagen Sie uns! Zu Beginn wird in der Regel eine neuraltherapeutische Behandlung im Beschwerdebereich durchgeführt. Im späteren Verlauf können auch andere, unter Umständen weit entfernte Regionen behandelt werden; dieses ergibt sich aus den von Ihnen beschriebenen Reaktionen auf die neuraltherapeutische Behandlung.

Ist das verwendete Lokalanästhetikum giftig?

Der ganz überwiegend in der Neuraltherapie verwendete Wirkstoff zerfällt am Ort der Injektion binnen weniger Minuten in zwei Bestandteile, die für den Körper ungiftig sind. Der Wirkstoff muss deswegen vom Körper nicht wie andere Medikamente entgiftet werden.

Tut die Behandlung weh?

Der eventuell kurz zu spürende Injektionsschmerz wird in der Regel gut toleriert, die Besserung der Beschwerdesymptomatik wiegt diesen „Einsatz“ auf.

Ich nehme Marcumar / ASS 100, kann ich eine neuraltherapeutische Behandlung vornehmen lassen?

Dies sollten Sie auf jeden Fall vor der Behandlung mitteilen. Bei Einnahme von ASS oder Marcumar besteht ein - jeweils unterschiedlich - erhöhtes Blutungsrisiko durch die neuraltherapeutische Injektionsbehandlung. Oberflächliche Injektionen sind zumeist möglich, für tiefe Injektionen ist in der Regel eine vorübergehend geänderte Medikamenteneinnahme notwendig. Der Arzt wird hierüber individuell entscheiden.

Literatur / weiterführende Information